Alte Ansichtskarten zeigen nicht einfach nur, wie ein Ort früher aussah. Sie zeigen auch, wie er gesehen werden wollte.

Die Karten aus der Hannover-Ansichtskartensammlung von Frau Irmtraud Stellmacher führen zurück in ein Kirchrode vor fast hundert Jahren. Zu sehen sind große Gartenlokale, Ausflugsgäste, Damwild im Tiergarten und Gebäude, die das Ortsbild lange geprägt haben. Manche sind verschwunden, andere haben ihre Funktion verändert. Geblieben ist ein Stadtteil, der bis heute von seiner besonderen Verbindung aus Nähe zur Stadt, Natur, Handel und Begegnung lebt.

Vom Dorf zum Stadtteil

Wie alt Kirchrode genau ist, lässt sich nicht mit einer einzigen Jahreszahl beantworten. Die örtlichen Quellen setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Die Jakobigemeinde nennt eine Ansiedlung, die wahrscheinlich bereits im 10. Jahrhundert entstand und um 990 als „Rothun“ erwähnt wurde. Später hieß der Ort „Roden“, bevor sich seit dem 14. Jahrhundert allmählich der Name Kirchrode durchsetzte.[1]

Die Landeshauptstadt Hannover verweist dagegen darauf, dass die Überlieferungen aus der Zeit um das Jahr 1000 nicht eindeutig bestätigt sind, und nennt 1221 als erste gesicherte urkundliche Erwähnung.[2]

Unstrittig ist der dörfliche Ursprung. Bauernhöfe gruppierten sich um einen Dorfteich im Bereich des heutigen Großen Hillen und der Brabeckstraße. Die Jakobikirche bildete einen wichtigen Mittelpunkt. Noch heute wird das Zentrum Kirchrodes schlicht „das Dorf“ genannt, obwohl aus der früher selbstständigen Gemeinde längst ein hannoverscher Stadtteil geworden ist.

Am 1. Oktober 1907 wurde Kirchrode nach Hannover eingemeindet. Damals lebten hier 2.715 Menschen.[2]

Bild: Kurhaus Kirchrode, Besitzer Heinrich Schlemm

Kurhaus Kirchrode, Besitzer Heinrich Schlemm

Der Tiergarten wird zum Ausflugsziel

Eine besondere Rolle in der Entwicklung Kirchrodes spielte der Tiergarten. Herzog Johann Friedrich ließ das Waldgebiet 1679 einzäunen und als höfisches Jagdrevier nutzen. Damals wurden dort 120 Stück Damwild ausgesetzt.[3]

1799 öffnete König Georg III. den Tiergarten für die hannoversche Bevölkerung. Das Haus des Jagdaufsehers entwickelte sich bald zu einer Gaststätte. Aus dem früheren Jagdgebiet wurde ein beliebtes Ziel für Spaziergänge und Sonntagsausflüge.

Gäste mit Damwild im Tiergarten

Gäste mit Damwild im Tiergarten

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand eine große Waldwirtschaft mit Sälen und einem weitläufigen Kaffeegarten. Die historischen Ansichtskarten lassen erkennen, welche Dimensionen dieser Ausflugsbetrieb hatte. Unter den Bäumen standen zahlreiche Tische und Stühle. Menschen kamen zum Essen, Kaffeetrinken und Zusammensein. Das Damwild bewegte sich teilweise mitten unter den Gästen.

 

Bild: Tiergarten-Restaurant J. Schwarze

Tiergarten-Restaurant J. Schwarze

 

 

Die Karten zeigen allerdings keine neutrale Alltagsdokumentation. Ansichtskarten waren auch Werbung. Sie präsentierten die schönsten Gebäude, gut gefüllte Gartenlokale und ein Kirchrode, das Lust auf einen Besuch machen sollte.

Die Aufschrift „beliebter Ausflugsort Hannovers“ auf einer Karte des Kurhauses bringt diese Botschaft ziemlich direkt auf den Punkt.

Kurhaus und Kirchröder Turm

Neben dem Tiergarten gehörten das Kurhaus und die Waldwirtschaft am Kirchröder Turm zu den bekannten Zielen. Das Kurhaus warb mit großen Außenbereichen, Gastronomie und der grünen Lage Kirchrodes.

Der Kirchröder Turm verweist auf eine noch ältere Geschichte. Laut Niedersächsischem Denkmalatlas wurde die heutige Anlage 1888 als Ausflugsgaststätte errichtet. Sie entstand anstelle eines mittelalterlichen Turmbaus aus dem Jahr 1373.[4]

Waldwirtschaft Kirchröder Turm

Waldwirtschaft Kirchröder Turm

Der mittelalterliche Turm hatte einst den Durchgang durch die hannoversche Landwehr gesichert. Jahrhunderte später wurde derselbe Ort zu einem Ziel für Ausflüge und gesellige Nachmittage. Kaum etwas zeigt deutlicher, wie sich die Bedeutung eines Ortes verändern kann.

Frühe Werbung für Kirchrode

Die Ansichtskarten erfüllten eine Aufgabe, die heute mit Stadtteilmarketing beschrieben würde. Sie machten Kirchrode über die eigenen Grenzen hinaus bekannt. Verschickt wurden nicht nur Grüße, sondern auch Bilder eines grünen, gastfreundlichen und gut erreichbaren Ortes.

Die Medien haben sich verändert. Die grundlegende Aufgabe ist geblieben: Ein Stadtteil muss sichtbar machen, was ihn auszeichnet und weshalb es sich lohnt, dort zu leben, einzukaufen oder Zeit zu verbringen.

Hier führt der Bogen zur Gemeinschaft Kirchroder Kaufleute, kurz GKK. Der Verein bringt Kaufleute, Unternehmen, Vereine und Verbände zusammen. Zu seinen erklärten Zielen gehören die Förderung und Imagepflege Kirchrodes, die Unterstützung des kulturellen Lebens und die Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen.[5]

Was früher über Ansichtskarten, Ausflugslokale und persönliche Empfehlungen geschah, findet heute in anderer Form statt: durch gemeinsame Aktionen, Stadtteilfeste, örtliche Projekte, Informationen über die Betriebe und die Vernetzung der Menschen, die Kirchrode mitgestalten.

Das ist keine romantische Fortsetzung einer angeblich besseren Vergangenheit. Kirchrode von heute ist größer, dichter bebaut und wirtschaftlich anders strukturiert. Viele traditionelle Betriebe stehen unter Druck, Einkaufsgewohnheiten verändern sich und Begegnung entsteht nicht mehr automatisch.

Gerade deshalb ist gemeinsames Handeln wichtig.

Wurzeln sind kein Stillstand

Die historischen Ansichtskarten erinnern daran, dass Kirchrode schon vor mehr als hundert Jahren von mehreren Dingen zugleich lebte: von seiner grünen Lage, von Gastronomie und Gewerbe, von gut erreichbaren Ausflugszielen und von Orten, an denen Menschen zusammenkamen.

Nicht alles davon lässt sich bewahren. Das wäre auch nicht sinnvoll. Geschichte ist kein Bauplan für die Zukunft.

Sie kann aber zeigen, was einen Stadtteil über lange Zeit getragen hat: örtliche Angebote, persönliche Kontakte, gemeinsame Aktivitäten und die Bereitschaft, Verantwortung für das eigene Umfeld zu übernehmen.

Wer die Wurzeln Kirchrodes kennt, muss nicht in der Vergangenheit stehen bleiben. Aber es lässt sich bewusster entscheiden, was auch in Zukunft zum Stadtteil gehören soll.

Quellen

[1] Evangelisch-lutherische Jakobigemeinde Kirchrode: „Die Jakobikirche und Kirchrode“.

[2] Landeshauptstadt Hannover: „Kirchrode-Bemerode-Wülferode – Ein Stadtbezirk stellt sich vor“.

[3] Landeshauptstadt Hannover: „Hannover: Stadt der Gärten. 700 Jahre Gartenkultur erleben“, 2025.

[4] Niedersächsisches Landesamt für Denkmalpflege, Denkmalatlas: „Ausflugsgaststätte Kirchröder Turm“.

[5] Gemeinschaft Kirchroder Kaufleute e. V.: „Willkommen bei der GKK Hannover“.

Bildnachweis: Historische Ansichtskarten aus der Hannover-Ansichtskartensammlung von Frau Irmtraud Stellmacher. Alle gezeigten Ansichtskarten sind vor 1930 erschienen.